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Warum Kultur nicht auf dem Poster beginnt, sondern im Arbeitsalltag

es zeigt ein Foto einer Schwedenreise am See mit Steg und weist auf die Wirkung von Kultur in Schweden wie sie im Alltag gelebt wird.

veröffentlicht 30.09.2026 (aktualisiert 11.10.2026) | 9 min. Lesezeit

Wie Schweden Kultur im Alltag gestaltet

Warum Kultur nicht auf dem Poster beginnt, sondern im Arbeitsalltag

Ich bin nicht nach Schweden gereist, um ein Kulturmodell zu suchen. Und trotzdem bin ich mit einem ziemlich klaren Gedanken zurückgekommen. Ich hatte einen Kultur-Blitz, von dem ich nachhaltig getroffen wurde: In Gesprächen mit Schwed:innen, in der Art, wie Zusammenarbeit gedacht wird, und in der Selbstverständlichkeit, mit der gute Arbeit als gemeinsame Gestaltungsaufgabe verstanden wird – dies hat hat uns bewegt.

Und diese Inspirationsmomente möchten wir auf den Schweizer Arbeitstkontext übersetzten: the Swiss Way

ein Team steht vor einem Plakat über eine Kulturexpediton und tauscht sich aus

Weg von „Menschen verändern“ hin zu „Bedingungen gestalten“

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Kultur ist Alltag

 

Wir sprechen in Organisationen oft über Kultur, als wäre sie ein zusätzliches Thema.Etwas, das man über Werte, Leitbilder, Führungsprinzipien oder Kommunikationskampagnen gestalten kann. Aber Kultur entsteht nicht dort. Kultur entsteht dort, wo gearbeitet wird.

In Entscheidungen
In Prioritäten
In Meetings
Im Umgang mit Fehlern
Im Informationsfluss
Im Vertrauen
In der Frage, wer mitreden darf und wer nicht

Genau deshalb hat uns die schwedische Perspektive so beschäftigt.

Kultur zeigt sich nicht zuerst in schönen Sätzen, sondern in der Art, wie Arbeit organisiert ist.

Wenn wir Vertrauen als Wert formulieren, aber jede Entscheidung über drei Freigabeschleifen läuft, ist die Kultur ziemlich klar.

Wenn wir Mitgestaltung propagieren, aber Mitarbeitende erst informiert werden, wenn die Lösung längst steht, ebenfalls.

Wenn wir Lernkultur wollen, aber Fehler vor allem erklärt und abgesichert werden müssen, braucht es kein Kulturbarometer, um zu wissen, was wirklich gelebt wird.

Die spannende Frage ist deshalb nicht nur:

Welche Kultur wollen wir?

Sondern:

Welche Bedingungen machen diese Kultur wahrscheinlich?

In vielen Veränderungsprojekten landen wir schnell beim Menschen.

  • Wie werden Mitarbeitende resilienter?
  • Wie motivieren wir sie?
  • Wie bringen wir sie dazu, Verantwortung zu übernehmen?
  • Wie machen wir sie veränderungsbereiter?

Die schwedische Arbeitsumgebungslogik lenkt den Blick stärker auf das System. Auf Arbeitsmenge, Rollen, Zeit, Ressourcen, Entscheidungsräume, Führung, Zusammenarbeit und Beteiligung.

Das verändert die Frage:

Nicht: Wie bekommen wir mehr aus Menschen heraus?

Sondern: Was in unserem Arbeitssystem macht gute Arbeit leichter, und was macht sie unnötig schwer?

Das klingt simpel. Ist es aber nicht. Denn es verschiebt Verantwortung.

Kultur braucht Klarheit

Wir unterschätzen, wie stark Unklarheit Kultur prägt.

Unklare Prioritäten erzeugen Dauerstress. Unklare Rollen erzeugen Reibung. Unklare Entscheidungen erzeugen Rückfragen, Absicherung und langsame Prozesse. Deshalb ist Priorisierung keine persönliche Zeitmanagementaufgabe. Wenn nicht alles gleichzeitig geht, muss klar sein, was Vorrang hat. Und wer das entscheidet.

Kultur zeigt sich eben auch darin, ob Menschen Orientierung bekommen oder mit widersprüchlichen Erwartungen allein gelassen werden.

Kultur braucht echte Mitgestaltung

Mitgestaltung ist ein weiterer zentraler Punkt.

Nicht im Sinn von: Alle entscheiden alles. Sondern im Sinn von: Wissen aus der tatsächlichen Arbeit kommt früh genug in die Gestaltung. Menschen, die täglich mit einem Prozess arbeiten, sehen Dinge, die kein Organigramm und keine Präsentation zeigt. Deshalb ist Beteiligung nicht nur „nice to have“. Sie ist eine Qualitätsfrage.

Die bessere Frage lautet: Wo braucht eine gute Lösung das Erfahrungswissen der Betroffenen?

Und dann muss klar sein:

Wobei wird mitgestaltet?
Was entscheidet die Führung?
Wie fliesst das Ergebnis zurück?

Kultur braucht Räume für Austausch

Auch Fika (Schwedische Kaffeepause) hat uns beschäftigt. Nicht als romantische Kaffeepause. Sondern als Symbol für etwas, das in vielen Organisationen knapp geworden ist:

  • informeller Austausch ohne sofortige Agenda, Statusfolie oder Entscheidung.

Nicht jedes gute Gespräch braucht ein Meetingformat. Aber gute Zusammenarbeit braucht Gelegenheiten, in denen Menschen miteinander sprechen können, bevor Probleme gross werden.

Kultur lebt von Beziehung. Und Beziehung braucht Raum.

Kultur braucht auch Weglassen

Organisationen sind sehr gut darin, Neues zu starten.

Neue Projekte
Neue Initiativen
Neue Tools
Neue Meetings

Was uns schwerer fällt, ist bewusst aufzuhören. Genau dort entsteht oft verdeckte Überlastung. Deshalb gehört zu jeder neuen Aktivität eine Gegenfrage:

Was lassen wir dafür weg?

Weglassen ist keine Niederlage. Es ist aktive Gestaltung von Aufmerksamkeit, Zeit und Energie.

Aus den Gedanken sind zwei Werkzeuge entstanden

Aus diesen Beobachtungen ist in den letzten Wochen etwas sehr Konkretes entstanden.

Zum einen das Schwedische Kultur Play Book – the Swiss Way.

Es bündelt acht Ideen, wie Kultur und Arbeitsbedingungen zusammen gedacht werden können. Nicht als theoretisches Kulturmodell, sondern als kleine, nutzbare Impulse.

es zeigt das schwedischen Kultur-Play Book auf dem Schreibtisch als Inspiration um Kultur im Alltag wirksam zu leben und verankern

 

Zum anderen ein Kultur Canvas für Teams.

Der Canvas übersetzt die Gedanken in eine gemeinsame Teamwerkstatt.

Er hilft dabei, Fragen zu klären wie:

  • Was stärkt unsere Kultur?
  • Was steht ihr im Weg?
  • Was hilft guter Arbeit?
  • Wo fehlt Balance zwischen Anforderungen und Ressourcen?
  • Welche zwei bis drei Hebel haben wirklich Wirkung?
  • Was wollen wir verändern, beibehalten oder bewusst weglassen?

Für uns gehören beide zusammen.

Das Playbook inspiriert: für Einzelpersonen, Führungsteams, Organisationsentwicklung, HR, interne Beratung
Ziel: verstehen, reflektieren, Ideen mitnehmen, Methoden auswählen

Der Canvas bringt die Diskussion ins Team: in Workshops
Ziel: Gemeinsam Kultur und Arbeitsbedingungen sichtbar machen, die wichtigsten Hebel erkennen und konkrete Veränderungen vereinbaren.

es zeigt ein Team beim Wokrshop um den Tisch herzumsitzend und diskutierend mit dem Kultur Canvas in der Mitte, welchen sie ausfüllen.

Unsere drei wichtigsten Learnings der Schwedischen Kultur

Kultur lässt sich nicht verordnen. Aber wir können die Bedingungen gestalten, unter denen sie entsteht.

Menschen brauchen nicht ständig neue Impulse, sondern Rahmenbedingungen, in denen gute Arbeit wirklich möglich ist.

Veränderung wird wirksam, wenn sie im Alltag klein, konkret und gemeinsam ausprobiert wird, statt als grosses Programm verordnet zu werden.

Porträt von Renata Frey und Ursula Anderhub

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