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Führen in unsicheren Zeiten - adaptive Leadership

Personen die gemeinsame Lösungen besprechen

veröffentlicht 12.01.2026 (aktualisiert 15.05.2026) | 13 min. Lesezeit

Führen in unsicheren Zeiten: Orientierung geben, wenn es keine klaren Antworten gibt

Adaptive Leadership als Kompass

Wenn die Welt gleichzeitig brüchig, unvorhersehbar, komplex und emotional aufgeladen wirkt, greifen klassische Reflexe oft zu kurz: mehr Kontrolle, mehr Ansagen, mehr Tempo. Adaptive Leadership setzt bewusst anders an: nicht mit vorgefertigten Antworten, sondern mit gemeinsamem Lernen, klarem Rahmen und geteiltem Problemlösen.

Studien zeigen, dass dies eine wichtige, zukunftsfähige Führungskompetenz ist. Quelle

Warum sich das lohnt?

Grafik die den Nutzen der adaptiven Führung zeigt

Adaptive Leadership hilft Ihnen, wenn es keine „richtige“ Lösung gibt. Sie gewinnen:

• Orientierung, ohne Schein-Sicherheit zu vermitteln

• Resilienz, weil Teams schneller lernen statt nur „durchzuhalten“

• Ownership im Team, weil Verantwortung nicht an Ihnen hängen bleibt

• Vertrauen und psychologische Sicherheit, damit Menschen in Veränderung nicht zumachen, sondern mitdenken

Kernidee: „Wir finden die Lösung gemeinsam“ – Sie moderieren den Prozess, statt die Antwort zu liefern.

Grafik mit den 4 Elementen des adaptive Leadership

zentrale Fähigkeiten von Führen in Unsicherheiten

  • Systemisches Denken: Sie betrachten Situationen im Zusammenhang, erkennen Wechselwirkungen im System und leiten daraus wirksame Hebel statt Einzelsymptome ab.


  • Komplexitätstoleranz: Sie bleiben handlungsfähig, auch wenn nicht alles klar ist, halten Ambiguität aus und treffen Entscheidungen ohne vollständige Informationen.

  • Mustererkennung: Sie erkennen wiederkehrende Dynamiken, Spannungen und „unsichtbare Regeln“ im Team oder in der Organisation, bevor sie zu Problemen werden.

  • Reflektierte Entscheidungen treffen: Sie entscheiden bewusst mit Abstand, prüfen Annahmen und Folgen und passen Kurs und Tempo an, statt im Autopilot zu reagieren.

    Kurzfazit für Schnellleser:innen:
    Unsicherheit lässt sich nicht „wegführen“ – aber gut begleiten. Adaptive Leadership stärkt Orientierung, Vertrauen und Lernfähigkeit, indem Sie Herausforderungen sauber rahmen, Perspektiven einladen und in kleinen Experimenten vorangehen.

Die 4 Grundprinzipien adaptiver Führung

Adaptive Leadership wirkt dort, wo es keine einfachen Antworten gibt. Diese vier Prinzipien helfen Ihnen, in komplexen und unsicheren Situationen klar, glaubwürdig und handlungsfähig zu bleiben:

1) Emotionale Intelligenz – Gefühle lesen und führen
Veränderung löst Emotionen aus. Wenn Sie Ihre eigenen Reaktionen steuern und die Emotionen im Team wahrnehmen können, entsteht psychologische Sicherheit – die Basis für gemeinsames Lernen und Anpassung.

2) Charakter und Persönlichkeit – glaubwürdig bleiben
In Krisen zählt Vertrauen. Eine authentische Haltung, die offen für neue Perspektiven ist, macht Führung glaubwürdig und stärkt Stabilität im Team – auch ohne „fertige Lösungen“.

 

3) Kontinuierliche Entwicklung – Lernagilität als Kernkompetenz
Adaptive Führung heisst: lernen, anpassen, neu denken. Flexibilität und die Bereitschaft, Annahmen zu hinterfragen, sind keine Extras – sondern zentrale Leadership-Skills im Wandel.

4) Organisatorische Gerechtigkeit und Transparenz – Beteiligung ermöglichen
Wenn Entscheidungen nachvollziehbar sind und Stimmen gehört werden, steigt die Akzeptanz für Veränderung. Transparenz schafft Orientierung und macht echte Partizipation möglich.

 

Mini-Impuls für die Praxis (1 Minute):

Welches der vier Prinzipien ist bei Ihnen aktuell am stärksten – und welches braucht als nächstes einen bewussten Schritt?
Unten finden Sie 5 Mini-Schritte, um die Prinzipien zu stärken und adaptive Leadership direkt anzuwenden.

Inspiriert u. a. von Impulsen zu Adaptive Leadership (Haufe Akademie, Neue Narrative, Corporate Finance Institute)

5 Mini-Schritte für die Praxis (sofort anwendbar)

1) Überblick verschaffen

Um ein Gesamtbild zu erhalten braucht es einen Überblick über die Herausforderungen oder Spannungen. Machen Sie dazu eine kurze Reflektion alleine oder noch besser mit dem Team.
Mini-Reflektion (10 Minuten):

  • Können wir das Problem genau beschreiben?
  • Was haben wir bei solchen Problemen erfolgreich gemacht?
  • Können wir das Problem selbst lösen oder brauchen wir Unterstützung oder Delegation an andere (Experten)?
  • Ist es eine Herausforderung die nur uns betrifft oder auch andere Abteilungen?
  • Stossen wir auf Widerstand?

Diese Fragen helfen Ihnen genauer zu verstehen, was die Unsicherheit auslöst.

2) Blickwinkel wechseln: auf "der Tanzfläche mittanzen" und „auf den Balkon steigen“

Oft fällt es uns schwer im hektischen operativen Alltag neue Blickwinkel zu gewinnen. Mit dieser Methode können Sie zwischen zwei Perspektiven wechseln:
– Tanzfläche: operativer Alltag
– Balkon: Überblick zu gewinnen

Mit diesen Fragen nehmen Sie Abstand vom Tagesgeschehen und verschaffen  sich einen anderen Blickwinkel auf Prozess, Rollen und Dynamiken im Unternehmen.

der operative Alltag (mitten drin)

Auf der Tanzfläche spielt sich der operative Alltag ab. Oft haben wir viele der Abläufe etabliert und hinterfragen sie nicht mehr. Dies kann dazu führen, dass wir emotional involviert sind und sofort reagieren. Diese Fragen helfen, herauszufinden wo „der Schuh drückt“ im Tagesgeschäft:

  • Was passiert aktuell konkret?
  • Welche Emotionen nehme ich war?
  • Was braucht das Team jetzt von mir?
  • Was könnte ich tun, um eine sachliche Diskussion zu ermöglichen, um Bewegung im Thema zu erzeugen?

Unsicherheit wird kleiner, wenn mehr Realität auf den Tisch kommt.

Danach laden Sie bewusst abweichende Sichtweisen ein, um Distanz zum Thema, Menschen und Dynamik zu gewinnen:

  • Welche Muster oder Dynamiken nehme ich war?
  • Welches sind Schlüsselakteure und wie interagieren sie?
  • Welche Themen werden nicht angesprochen?
  • Welche Interessen oder Ängste steuern das Verhalten?
  • Welche Rolle spiele ich selbst in dieser Dynamik?
  • Welche Annahme von mir könnte falsch sein?

Dies kann Ihnen oder dem Team helfen während dem Mitanzen immer wieder auf den Balkon zu steigen, um Muster zusehen und das Handeln anzupassen.

Hier noch 2 Mini-Beispiele dafür:

Mini-Beispiel 1: Operativer Alltag (Tanzfläche – mitten drin)

Situation: Im Team wird es hektisch, weil ein wichtiger Liefertermin wackelt. Zwei Personen diskutieren, wer schuld ist, der Ton wird scharf.
So wenden Sie die Fragen an (kurz im Kopf oder laut):

  • Was passiert aktuell konkret? „Der Termin ist gefährdet, wir drehen uns im Thema.“
  • Welche Emotionen nehme ich wahr? „Druck, Gereiztheit, Angst vor Konsequenzen.“
  • Was braucht das Team jetzt von mir? „Beruhigung, Klarheit, nächster Schritt.“
  • Was könnte ich tun, um eine sachliche Diskussion zu ermöglichen? „Wir legen einen Stopp ein: sammeln 2 Minuten Fakten. Dann entscheiden wir die nächsten 3 Aktionen.“
    Ergebnis: Aus Reaktion wird Handlungsfähigkeit: Fakten → Prioritäten → klare nächste Schritte.

Mini-Beispiel 2: Neue Sichtweisen einladen (Balkon – Distanz gewinnen)

Situation: Die Zusammenarbeit zwischen Verkauf und Produktion knirscht seit Wochen. Beide Seiten sagen: „Die anderen liefern nicht.“
So holen Sie bewusst andere Perspektiven rein:

  • Sie sagen im Meeting: „Bevor wir das Thema lösen: Welche Annahme von uns könnte falsch sein?“
  • Dann lässt jede Seite einen Satz beantworten:
    • Verkauf: „Ich nehme an, Produktion könnte schneller, wenn sie nur wollte.“
    • Produktion: „Ich nehme an, Verkauft verkauft Lösungen, die wir so nicht schaffen.“
  • Danach die Balkon-Fragen in kurz:
    • Welche Muster oder Dynamiken nehme ich wahr? „Schuldzuweisung statt gemeinsame Planung.“
    • Welche Themen werden nicht angesprochen? „Prioritäten und Kapazitäten sind unklar.“
    • Welche Interessen oder Ängste steuern das Verhalten? „Angst, schlecht dazustehen.“
      Mini-Schritt: Sie vereinbaren ein 7-Tage-Experiment: „Ein gemeinsames 15-Minuten-Prioritäten-Check-in pro Tag.“
      Ergebnis: Mehr Realität auf dem Tisch, weniger Interpretationen – und ein konkreter Test statt Endlos-Diskussion.
3) Adaptive Herausforderung rahmen: technisch vs. adaptiv unterscheiden

Technische Probleme haben bekannte Lösungen. Adaptive Herausforderungen brauchen neue Denk- und Verhaltensmuster – und damit Lernprozesse im Team.
Mini-Impuls:
Schreiben Sie die Themen auf ein Flipchart und ergänzen Sie zwei Spalten:

Technische Herausforderung

Es ist ein Problem, bei dem die Lösung grundsätzlich bekannt ist: Es braucht vor allem Fachwissen, klare Prozesse oder Ressourcen – keine tiefgreifende Veränderung von Haltung oder Verhalten.
– Legen Sie das Ziel und die Kriterien fest, holen Sie das passende Know-how ins Boot (Expert:in)
– wählen Sie eine bewährte Lösung (Best Practice)
– setzen Sie sie mit klaren Verantwortlichkeiten, Zeitplan und Feedback-Schleifen um.

Adaptive Herausforderung

Eine adaptive Herausforderung ist ein Problem, bei dem es keine fertige Lösung gibt, weil sich Denkmuster, Verhalten, Rollen oder Zusammenarbeit verändern müssen – Lernen und Anpassung sind Teil der Arbeit. Wenn Sie eine adaptive Herausforderung erkennen: Rahmen Sie sie als Lernauftrag:

  • Wer muss beteiligt werden?
  • Was müssen die Betroffenen neu lernen, verändern, aufgeben?
  • Wie können wir gemeinsam Fortschritte machen?
  • Wo gibt es keine Übereinstimmung
4) Lerntemperatur regulieren: im „produktiven Stressbereich“ bleiben

Eine adaptive Herausforderung bedingt neues lernen. Damit ist nicht nur Wissen gemeint, sondern das Entwickeln neuer Denk- und Handlungsmustern. Lernen entsteht selten in Komfort – aber auch nicht im Überdruck. Ihre Aufgabe ist, die „Temperatur“ so zu steuern, dass Menschen dranbleiben. Zu viel Hitze führt zu Stress, zu wenig Hitze zu keinem Handeln (Komfortzone). Es geht darum Ihr Team in eine Lernzone zu führen, damit neues ausprobiert werden kann und aus Fehlern gelernt werden darf.

Mini-Impuls:
Versuchen Sie die Stimmung einzuschätzen: Wo befindet sich wer im Team gerade?

Was könnt ihr machen um eine gute Regulierung zu finden?

Wenn es zu heiss wird:
Tempo raus, Struktur rein, Unsicherheiten ansprechen (kleinere Schritte, klare nächste Aktion, Check-in Frage).

Wenn es zu kalt ist:
Realität ansprechen, eine mutige Frage stellen, Verantwortung zurückgeben. (Konsequenzen bei Nichthandeln, Elefant im Raum ansprechen, was wäre ein möglicher Schritt?)

5) Verluste und Veränderung anerkennen
  • Widerstand ist oft Angst vor Verlust (Status, Sicherheit, Identität, Zugehörigkeit). Als Führungsperson sollten Sie nicht nur die Zukunft und Vision vermitteln, sondern die Veränderung anzusprechen, den Widerstand zu benennen.
    Fragen an das Team:
  • Was genau könnte dadurch verloren gehen?
  • Was würden Sie vermissen?
  • Was würden Sie brauchen, um den nächsten Schritt trotzdem zu gehen?“

 

Porträt von Renata Frey und Ursula Anderhub

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